Wahrnehmung
Wahrnehmung ist ein faszinierendes Phänomen, das uns die Vielfalt und Schönheit der Welt auf unterschiedlichste Art offenbart. Dabei ist sie subjektiv. Jeder empfindet anders, was zu Missverständnissen führt, uns aber auch ermöglicht, die Welt ein Stück anders zu betrachten und unsere Wahrnehmung zu erweitern. So kann ein Stuhl für die eine Person ein bequemer Sitzplatz sein, für ein Kind hingegen ein Berg, den es zu erklimmen gilt, und für einen Künstler eine Quelle der Inspiration.
Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, diese Subjektivität darzustellen. Eine ist die Zahl Neun, die je nachdem, wo man steht, eine Sechs sein kann. Oder ein Buch, das auf der einen Seite einen roten und auf der anderen einen blauen Umschlag hat. Je nachdem, auf welcher Seite man steht, ist unsere Wahrnehmung eine andere als die des Menschen, der auf der anderen Seite steht.
Trotzdem tendieren wir Menschen dazu, auf unserem Recht zu beharren und nur sehr selten die Perspektive zu wechseln oder uns zu fragen, warum der andere diese Meinung hat. Und obwohl ich darum weiß, ertappe ich mich selbst oft noch dabei, einem anderen Unrecht zu tun und seine Perspektive nicht zu hinterfragen. Oder manchmal auch nicht schnell genug zu sehen, dass ein Konflikt aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmung entstanden ist. Und das, obwohl mir öfter gesagt wird, dass ich wirke, als könnte ich mein Gegenüber „lesen“. Das würde ich so nicht sagen. Ich neige lediglich dazu, mein Gegenüber anzuschauen. Sagt mir meine Wahrnehmung, dass ich vorsichtig sein muss, meide ich die Person und gehe keine tiefe Verbindung ein.
Es ist also eher ein Hören auf das Bauchgefühl. Mir ist es nicht einmal möglich zu sagen, warum ich so empfinde. Es ist einfach mein subjektives Bauchgefühl, das mich die Nähe zu einem Menschen suchen lässt oder mich ihn meiden lässt. Eben aus diesem Grund habe ich eigentlich nie dazu tendiert, Interesse an Personen des öffentlichen Lebens zu haben (in diesem Fall beziehe ich mich speziell auf Autoren und Musiker, deren Kunst ich konsumiere), da sie einzuschätzen für mich nahezu unmöglich ist.
Nun zurück zum Thema. Gerade weil die Wahrnehmung so subjektiv ist, mag ich es, von anderen zu hören, wie sie etwas empfinden oder wie es für sie war. Das mag die Quelle der Inspiration sein, über die gesprochen wird, eine Rolle, in die sich ein Schauspieler einfühlen muss, oder die Wahl eines Liedes, das auf die Bühne gebracht wurde. Was hat den Künstler dazu bewegt, genau dies so zu machen? Warum wurde sich für ein bestimmtes Instrument oder Arrangement entschieden? Warum schreibt eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller über dieses und kein anderes Thema?
Natürlich gibt es nicht immer eine „richtige“ Antwort. Manchmal ist es gerade im Bezug auf das Schreiben eher das, was einem in den Kopf gekommen ist. Es kann die Inspiration aus einem Traum entstanden sein, damit einhergehend bereits ein Teil der Geschichte, der sich im Kopf befindet. Oder es sind wiederkehrende Themen, die einem einfach liegen oder interessieren. Dies ist nun von meiner Seite eher oberflächlich geäußert.
So schreibt Stephen King zum Beispiel in seinen älteren Werken viel über Horror und das Thema Angst. Er nutzt außerdem in seinen Büchern viele übernatürliche Wesen, um der Angst ein Gesicht zu geben. Doch er betont immer wieder, dass seine Romane nicht nur Horrorgeschichten sind, sondern dass sich dahinter eine Auseinandersetzung mit Themen verbirgt, die ihm wichtig sind, wie Amerika, seine Gesellschaft und seine Geschichte.
Gerade im Bezug auf andere Künste, mit denen ich mich weniger auskenne, wie zum Beispiel Musik, interessiert mich das „Wie“ sehr. Das Entstehen von Musik ist spannend. Woher kommen die Entscheidungen für bestimmte Instrumente und was bewirken sie?
Denn die Wirkung ist unumstritten. Es ist immer wieder spannend, wie sich Musik auswirkt, selbst wenn man den Text nicht beachtet oder die Sprache womöglich nicht beherrscht. So fand ich zum Beispiel die Hintergrundinformationen zu „Epic: The Musical“ (musikalische Adaption von Homers „Odyssee“) von Jorge Rivera-Herrans sehr interessant, denn er erzählt, warum er bestimmte Instrumente den Charakteren zugeordnet hat oder wie es etwa Hintergrundgesang in Momenten geben kann, in denen es eigentlich keine anderen Figuren geben dürfte. Er erzählt auch, inwieweit er sich an das Originalwerk gehalten hat und was er geändert hat und warum.
(Wenn Sie Musicals mögen, kann ich es wirklich wärmstens empfehlen, aber auch die „Odyssee“ ist empfehlenswert.)
Wie können wir also speziell in der Kunst, sei es in der Musik oder beim Schreiben, die Wahrnehmung nutzen, und bewirken die Dinge bei allen, unabhängig von Erlebtem und Erinnerungen, immer dasselbe? Nehmen wir das Lied, um bei dem Beispiel „Epic“ zu bleiben: „Love in Paradise“ von Calypso (und Odysseus).
Kurz zum inhaltlichen Rahmen: Calypso ist eine Nymphe, die auf der Insel Ogygia lebt. Nachdem Odysseus’ Flotte von Zeus zerstört wurde, strandet er dort. Calypso nimmt sich seiner an und kümmert sich um ihn. Sie hält ihn sieben Jahre lang auf der Insel, in der Hoffnung, dass er sich in sie verliebt, und bietet ihm auch Unsterblichkeit an. Calypso wird in der „Odyssee“ als schöne und mächtige Nymphe beschrieben, sie ist klug und einfühlsam. Sie symbolisiert sowohl Verführung als auch Versuchung und stellt die Doppelmoral der Götter in der „Odyssee“ dar.
Wie wird ihre Musik in „Epic“ dargestellt?
Es wird eine tropische, fröhliche Atmosphäre geschaffen, musikalisch durch die Instrumente (zum Beispiel Handpans) und den Rhythmus. Meeresrauschen und Möwen sind am Anfang zu hören, treten dann jedoch in den Hintergrund, durch die Musik fast überdeckt. Der Rhythmus im Gesang schafft für mich eine sympathische, freudige und lockere, vielleicht sogar leicht aufgedrehte Figur. Calypso, die sich durch kaum etwas, was Odysseus sagt, aus der Ruhe bringen lässt. Wie empfinden Sie Calypso in dem Lied?
Es lässt sich also sagen: Obwohl Wahrnehmung subjektiv ist, gibt es bestimmte Aspekte, die universell sind und von den meisten Menschen ähnlich wahrgenommen werden. In diesem Fall eine tropische Atmosphäre, die wahrscheinlich bei vielen ein angenehmes Gefühl auslöst, fröhliche Musik mit einer hellen, klaren Stimme in einem heiteren Rhythmus. Dennoch sollte beachtet werden, dass Wahrnehmung immer noch stark von persönlichen Erfahrungen, kulturellem Hintergrund und individuellen Unterschieden abhängt.