Büsum

Wenn ich an Büsum denke, sehe ich kein schönes, sonniges Prospektbild, sondern spüre den frischen Meereswind, wie er bereits auf dem Parkplatz vom Strand über die Deiche weht. Die Luft riecht nach Salz und man hört schon die kreischenden Möwen, die über den Köpfen in der Brise schweben. Noch bevor ich die Deiche hinter den Bäumen sehe, höre ich das leise Rauschen hinter dem grünen Wall, diesen gedämpften Atem der Nordsee.

Einst war Büsum eine Insel, eine von denen, die sich dem Meer immer wieder stellen mussten, bis die Sturmfluten den Süden weggerissen hatten und der Schlick im Nordosten eine Brücke zum Festland baute. Wenn ich oben auf den Deichen stehe, die sich wie eine schützende Linie zwischen dem Ort und dem Wasser aufbauen, ahne ich noch etwas von der alten Grenze zwischen Meer und Land. Rechts breitet sich die Stadt aus, links die weite, flache See.

Wenn man vom Deich zum Wasser geht, sieht man viele Stege, die bei Flut direkt in die Nordsee führen. An warmen Tagen stehen dort Menschen in Badeanzügen und Wellenreiter nebeneinander, ein bisschen unsicher im kalten Nordseewasser. Bei Ebbe bleiben nur Rillen, Pfützen und graubrauner, feuchter Boden zurück. Dann laufen die Wattführer vor den Reihen derer, die das „Watt unter den Füßen“ zum ersten Mal kennenlernen. Ich schaue hier vom Deich gern auf das leere Watt, wo am Horizont das Meer noch im Sonnenlicht wie flüssiges Gold leuchtet.

In der Familienlagune „Watt’n Insel“ ist die Hafenstadt lauter. Kinder kreischen, jemand versucht sich im Windsurfen, andere treiben gemächlich in Tretbooten über das Becken. Der Wind trägt Gesprächsfetzen, freudiges Lachen und das gleichmäßige Aufprallen des Wassers gegen den Steg herüber. Und doch ist selbst dieses bunte Treiben eingerahmt von dem gröberen Rhythmus von Wind, Gezeiten und Himmel.

Am Hafen wird Büsum konkreter. Zwischen den vier Hafenbecken schieben sich Kutter ein und aus. Manche tragen unzählige Spuren vieler Fahrten im Lack. Vom Kai aus kann man den über hundert Jahre alten Leuchtturm sehen, der wie ein stiller Wächter über die Stadt und das Meer wacht. Wenn man zur richtigen Zeit dort ist, kann man den Fischern bei der Arbeit zusehen und frische Nordseekrabben direkt am Hafen vom Kutter kaufen. Darüber freuen sich nicht nur die Besucher des Hafens, sondern auch die Möwen, die immer auf eine Chance lauern, eine oder zwei Krabben zu stehlen.

Zwischen den Buden am Kai sitzen Menschen mit Papierbooten voller Nordseekrabben. Man pult und schweigt, oder man pult und redet, je nach Gesellschaft. Nicht weit entfernt starten Ausflugsschiffe: Einige fahren hinaus, um Seevögel und vielleicht Seehunde zu zeigen, andere steuern eine der Inseln an oder bieten Fangfahrten an, bei denen man sieht, was im Netz hängen bleibt.

Ein paar Schritte weiter wird es stiller. Im Museumshafen liegen alte Schiffe, die von der Berufsschifffahrt vergangener Zeiten erzählen. Holz, Metall, Namen, die langsam verblassen. Schilder berichten von Fahrten, Lasten, Stürmen. Wer möchte, kann sich die Geschichte des Hafens und des Ortes im „Museum am Meer“ erzählen lassen. Die Geschichte von Büsum über die Sturmfluten, von Fischerei und Krabbenverarbeitung, vom Wachsen des Tourismus und davon, wie Büsum vom Inselort zum Urlaubsort geworden ist.

Wenn die Füße müde werden, lohnt sich ein Abstecher ins Aquarium. Hinter dem Glas ziehen Rochen an den Scheiben vorbei, Steinfische liegen beinahe unsichtbar im Sand, Butterfische lugen aus Felsspalten. Becken zeigen die unterschiedlichen Lebensräume der Nordsee, Seegraswiesen, Schlickgründe, Muschelbänke. Dazwischen schwimmen auch Süßwasserfische, die man aus anderen Aquarien kennt, doch der eigentliche Reiz liegt in den Tieren, die draußen vor dem Deich leben.

Im Ortskern steht die St.-Clemens-Kirche. Sie wirkt von außen fast unscheinbar, wenn man nicht weiß, dass sie seit Jahrhunderten die Stürme erlebt und den Bewohnern des Ortes in der Vergangenheit als Zuflucht gedient hat. Die erste Kirche, 1281 auf der damaligen Insel gebaut, fiel der Marcellusflut 1362 zum Opfer, der nächste Bau brannte, und die heutige Kirche trägt die Spuren dieser Geschichte in sich. 1442 setzten die Inselbewohner sie auf eine Warft, einen künstlich aufgeschütteten Hügel. Seitdem steht sie auf dem höchsten Punkt Büsums. Innen ist es still, das Licht fällt gedämpft auf Bänke und Bilder. Für die Schiffer und Küstenbewohner war der heilige Clemens Schutzpatron, für mich ist es ein Ort, an dem der Wind draußen kurz leiser wird.

Wenn ich Büsum verlasse, bleibt mir selten nur ein Bild im Kopf, eher ein Geflecht aus schweren Schritten im Deichgras, dem hellen Gleißen der Nordsee unter der Sonne, dem beißenden Wind an grauen Tagen und dem gleichmäßigen Brummen der Krabbenkutter, die in den Hafen einlaufen. Ein Ort, der von der rauen, ungezähmten Nordsee in ihrem schönen Treiben erzählt.

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