Abschied

Endlich sah sie ihn, den alten Baum, der schon seit ihrer Kindheit hier oben auf dem Gipfel des Berges stand. Von hier konnte sie die kleine Stadt im Tal sehen. Sanft strich sie über die aufgeplatzte Rinde des riesigen Wächters.

Sie seufzte und drehte sich um. Mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, glitt sie zu Boden. Dann schlang sie die Arme um ihre Knie und betrachtete für eine Weile die Stadt. Unter ihr war der Boden noch feucht vom Regen, der tagelang unerbittlich gefallen war. Ihre Augen füllten sich mit heißen Tränen, während ihr Blick auf dem Ort ruhte, den sie als Kind so oft in ihren Ferien besucht hatte.

Sie konnte es immer noch nicht wahrhaben. Die Leere, die ein ganzes Leben hinterlassen hatte, wog schwer. Mit geschlossenen Augen dachte sie an das alte Haus, das seit ihrer Kindheit unverändert wirkte. Doch jetzt schien ihr selbst der vertraute Geruch, der schon immer in der Luft hing, fremd. Die Zeit stand hier still. Sie ging die knarrende Treppe hinauf und öffnete die braune Tür, über der ein Stickbild hing, das die Besucher willkommen hieß. Die große alte Standuhr, die dort stand, solange sie denken konnte, schwieg. Das Uhrwerk war schon seit einiger Zeit kaputt.

Langsam ging sie in das Wohnzimmer, in dem sie morgens mit ihren Großeltern gefrühstückt hatte. Der kleine Tisch, an dem sie zu dritt gesessen hatten, war von dem einen Fenster zum anderen gewandert. Trotzdem war es ihr in dem Moment, als wartete ihr Opa dort darauf, dass sie sich zu ihm setzte und sie gemeinsam frühstückten. Der Geruch von schwarzem Tee mit Zitrone stieg ihr in die Nase. Bis die Kälte den Raum wieder einnahm. Ihr Blick fiel auf den großen, schweren Ohrensessel. Dort hatte ihr Opa jeden Abend gesessen, gelesen und dabei klassische Musik gehört. Ihm gegenüber saß ihre Oma und stickte kleine Bilder auf weißen Stoff. Wie oft hatte sie versucht, es ihrer Enkeltochter beizubringen, doch vergeblich. Das kleine Mädchen hatte viel lieber auf dem Teppich vor dem Fenster gelegen und gezeichnet oder geschrieben. Dabei lauschte sie der Musik, zu der ihr Opa immer viel zu sagen hatte. Er erkannte die Komponisten oft schon nach wenigen Tönen.

Sie versuchte, die Erinnerung abzuschütteln und verließ das Wohnzimmer. Langsam ging sie durch den schmalen Flur in die Küche. Dort hatte sich nichts verändert. Der kleine, helle Holztisch stand immer noch vor dem Fenster. Von dort konnte man auf das verlassene Vogelhäuschen blicken. Jahrelang hatten Meisen darin ihre Nester gebaut. Und ihr Opa hatte immer darüber gewacht. Sanft strich sie über den glatten Tisch und erinnerte sich an die Brettspiele, die sie dort oft mit ihrer Oma gespielt hatte. Dabei hörten sie Radio, aus dem fröhliche Musik schallte. Sie drehte sich zu dem Herd um, der dem Fenster gegenüber eingebaut war. Ihre Oma hatte dort oft gekocht, bis sie entdeckt hatte, dass vieles schneller in der Mikrowelle ging. Für einen Moment schien der Geruch von frisch gekochtem Schokoladenpudding und Vanillepudding den Raum zu erfüllen.

Dann ging sie wieder durch den Flur zu den Treppen und stieg die schmale Holztreppe hoch. Oben lag immer noch der grüne Teppich, wie ein Rasen. Neben der Treppe in der Ecke stand die alte, riesige Modelleisenbahn mit ihrer eigenen kleinen Welt. Die Schaukelstühle standen vor dem kleinen Fernseher, fast so, als würden ihre Großeltern gleich die Treppe heraufkommen, um zusammen etwas zu schauen. Nur selten hatten sie hier oben gemeinsam gesessen, doch an diese Abende erinnerte sie sich. Oma in ihrem offenen Schlafsack und Opa daneben.

Sie wandte ihren Blick von den leeren Schaukelstühlen ab und ging in das Zimmer ihres Onkels, in dem sie in den Ferien geschlafen hatte. Der Raum war unverändert. Alles stand noch an seinem Platz, nur eine Staubschicht hatte sich niedergelassen. Die Matratze lag in der Ecke unter der Schräge und davor stand der kleine Nachtschrank mit dem Kassettenrecorder und den vielen Kindergeschichten auf Kassette. Sie erinnerte sich, wie sie im Bett den Geschichten gelauscht hatte und jedes Mal erschrak, wenn die Kassette zu Ende war. Eigentlich mochte sie keine Geräusche, wenn sie schlafen wollte. Doch die Stille in diesem Haus war ihr als Kind unheimlich gewesen. Heute bemerkte sie, wie viel stiller es werden konnte. Sie betrachtete das Dachfenster. Wie sehr hatte sie es geliebt, wenn der Regen gegen die Scheibe trommelte und den Raum mit seinem Klang erfüllte. Sie trat an das andere Fenster, das sich gegenüber der Tür befand. Sie blickte über die Dächer der benachbarten Häuser auf die alte Kirche im Stadtkern. Ein vertrauter Klang erfüllte die drückende Stille im Haus. Die alte Kirchenglocke schlug zur vollen Stunde. Sie hatte die Glocke als Kind unzählige Male an diesem Fenster vernommen und blieb deshalb für einen Moment regungslos stehen. Als der letzte Schlag verklungen war, hörte sie wieder die Stille im Haus. Doch dieses Mal lauter und beklemmender, als sie es in Erinnerung hatte. Sie hatte gewusst, dass sie mit ihren Großeltern nichts Neues mehr erleben würde. Doch erst jetzt wurde ihr schmerzlich klar, was das bedeutete.

Die raue Rinde des Baumes drückte sich in ihren Rücken und holte sie in die Gegenwart zurück. Als es ihr bewusst geworden war, hatte sie überstürzt das Haus verlassen und den Ort aufgesucht, den sie in ihren Ferien oft allein besucht hatte. Hier oben auf dem Berg, bei dem alten Baum. Unter ihr lag die Stadt und zwischen den Häuserdächern ragte der alte Kirchturm auf. Als die Kirchenglocke erneut erklang, zog sie die Arme enger um ihre Knie. Ihr Blick folgte den Straßen, durch die sie mit ihrer Oma gegangen war. Diesmal versuchte sie nicht, die aufkommenden Bilder abzuschütteln.

Sie erinnerte sich an den kleinen Weg, der am Bach entlangführte, in dem sie gemeinsam die Regenbogenforellen beobachteten. Wie sie an dem kleinen Haus vorbeigingen, neben dem Gänse und Schafe auf dem Feld liefen. Und wie sie mit ihrer Oma in dem kleinen Freibad schwimmen lernte. Mit einem leichten Lächeln dachte sie an die Distel im Rasen, in die sie einmal getreten war. An den Schmerz unter ihrem nackten Fuß. Und daran, wie ihre Oma sie getröstet hatte, bis sie am Ende über die kleine Distel lachten. Auch Pommes gehörten zu diesen Tagen. Nie wieder hatten sie so geschmeckt wie im Schwimmbad. An den Spaziergang nach Hause, wieder an dem Bach vorbei, der nahe des Schwimmbads einen rauschenden Wasserfall hatte. Dann kam ihr das alte, klapprige Fahrrad in den Sinn, das ihr Opa oben von der Wand in der Garage holte. Und wie ihre Oma ihr zusah, während sie geschwind hinter der Kurve verschwand. Die eine oder andere Narbe hatte ihr dieses Fahrrad beschert. Ein Stück Kindheit, das immer noch in der Garage an der Wand hängt. Dann fiel ihr wieder ein, wie ihre Oma lachend von ihren Besuchen erzählte, wie ihre Enkeltochter immer pünktlich nach Hause kam und dann noch eine Stunde unten vor der Tür mit ihrer besten Freundin redete. Bis ihre Oma sie durch die Gegensprechanlage ans Reinkommen erinnerte.

In all diesen kleinen Erinnerungen schienen ihre Großeltern ihr für einen Moment wieder nah. Sie vermisste sie. Doch zum ersten Mal war neben all dem Schmerz auch Dankbarkeit für das, was sie gemeinsam erlebt hatten. Für all die Momente, die ihr damals ganz selbstverständlich erschienen waren.

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