Die Seele zwischen Text und Wirklichkeit
Es ist noch gar nicht so lange her, dass mich jemand gefragt hat, wie viel von mir in meinen Prosatexten steckt. Ob ich „über mich“ schreibe oder mir alles ausdenke. Seitdem lässt mich die Frage nicht mehr los, weil sie so einfach klingt und doch in einen Raum führt, der schwer zu greifen ist.
Natürlich gibt es Dinge in meinen Geschichten, die direkt aus meinem Leben stammen. Es gab tatsächlich eine Hündin wie Maja, auch wenn sie anders hieß. Es gibt den Freund, und seine Mutter war wirklich Künstlerin. Es gab eine Vernissage, es gab Bilder, es gab ein Atelier. Aber der Hund hat nie ein Gemälde beschädigt. Diese Szene ist erfunden. Sie wächst an einer wahren Person entlang, biegt dann ab und wird zu etwas Eigenem.
Ähnlich ist es mit „Haus im winterlichen Licht“. Wir verbringen Weihnachten im großen Freundeskreis, wir schmücken zusammen den Baum, wir essen Hähnchen, und ja, ich bin die Kleinste in dieser Runde. Aber die blaue Kugel, die jedes Jahr wieder aufgehängt wird, obwohl sie nicht mehr ins Farbschema passt, gibt es nicht. Sie ist eine Verdichtung, ein Bild, das aus vielen kleinen Erinnerungen entstanden ist und sich zu einem Symbol zusammengezogen hat.
So mischt sich der Autor immer ein Stück weit in sein eigenes Werk. Manchmal ist es offensichtlich, manchmal kaum zu erkennen. Viele Romanfiguren beruhen auf Menschen, denen man begegnet ist. Man leiht ihnen Haltungen, Gesten, eine Art zu schweigen oder zu lachen. Man gibt ihnen Charakterzüge von A, das Lächeln von B und den Beruf von C. Das Aussehen kann erfunden sein, oder es gehört jemandem, den man nur aus der Ferne kennt. Im Text entsteht daraus eine Figur, die es in der Wirklichkeit so nie gegeben hat und dennoch in einem seltsamen Sinn „wahr“ ist.
Die Literaturwissenschaft hat dafür Begriffe gefunden. Sie spricht zum Beispiel von Autofiktion, wenn eine Figur deutlich an den Autor erinnert und reale Erfahrungen verarbeitet werden, aber doch eine deutlich als erfunden gekennzeichnete Geschichte entsteht. Eine Figur, die „ich“ heißt, muss nicht identisch sein mit der Person, die am Schreibtisch sitzt. Sie ist eine Version, eine Möglichkeit, eine Maske. Zwischen autobiografischem Erzählen und freier Erfindung gibt es einen Zwischenraum, der sich nicht sauber trennen lässt. Genau dort bewegt sich vieles von dem, was wir schreiben.
Gleichzeitig gibt es in der Theorie den berühmten Satz vom „Tod des Autors“. Roland Barthes hat vorgeschlagen, den Autor als sinnstiftende Instanz zurücktreten zu lassen, damit der Text für sich stehen und der Leser seine eigenen Bedeutungen finden kann. Was jemand „gemeint“ hat, wird dann weniger wichtig als das, was beim Lesen entsteht. Ich merke, dass mich dieser Gedanke beruhigt und zugleich herausfordert. Beruhigt, weil ich nicht jedes Detail aus meinem Leben erklären muss. Herausfordert, weil ich loslassen muss, was am Ende in anderen Menschen aus meinen Sätzen wird.
Für mich fühlt es sich so an, als läge zwischen mir und meinen Texten ein Raum, in dem Erfahrungen, Bilder und Erinnerungen hindurchmüssen, bevor sie auf der Seite landen. In diesem Raum werden sie verändert. Die Hündin wird zu Maja, obwohl sie nie so hieß. Die Künstlerin bekommt eine Szene, die es nicht gab, aber zu ihr passt. Der Freundeskreis bekommt eine blaue Kugel, damit man das, was wir über Jahre aufgebaut haben, in einem Blick sehen kann. Das Hähnchen jedoch bleibt unverändert.
Vielleicht ist das die „Seele“, die zwischen Autor und Werk lebt. Sie besteht aus Bruchstücken des eigenen Lebens, aus Menschen, die man geliebt hat oder kaum kannte, aus Orten, die man besucht hat, und Orten, die man nur erträumt. Sie setzt sich zusammen aus Büchern, die wir gelesen haben, aus Filmen, Liedern, Gesprächen. Und wenn wir schreiben, zieht sie Fäden zwischen Wirklichkeit und Text, sodass am Ende nicht mehr zu erkennen ist, wo das eine endet und das andere beginnt.
Manche Autoren gehen sehr weit in diese Richtung. Es gibt Romane, deren Figuren fast eins zu eins auf realen Menschen basieren, ihre Wege, ihre Namen, ihre Verletzungen. Andere lösen sich fast völlig von der eigenen Biografie und arbeiten eher mit Sprache, Formen, Stimmen. Die meisten bewegen sich irgendwo dazwischen. Auch bei mir sind Szenen manchmal näher an meinem Leben, als ich freiwillig zugeben würde, und manchmal weiter davon entfernt, als viele denken.
Wenn mich jemand fragt: „Bist du das?“, dann könnte ich eigentlich nur antworten: „Ein Teil von mir, ja. Aber nicht nur.“ In jeder Geschichte steckt ein Splitter von mir, aber nie das Ganze. Und in jedem Text steckt ein Stück Wirklichkeit, aber sie ist durch eine feine Schicht von Fiktion gefiltert, die sie schützt und manchmal erst sichtbar macht.
Vielleicht kann man sagen, dass die Wirklichkeit das Material ist, aber der Text der Ort, an dem sich die Seele des Autors in etwas verwandelt, das größer ist als das eigene Leben und kleiner zugleich. Größer, weil viele eigene Stimmen darin mitschwingen können. Kleiner, weil es am Ende nur ein Ausschnitt ist, ein Moment, ein konzentrierter Funken.