Deadline

Da ist sie also, die Schreibblockade. Zum ersten Mal, seit ich schreibe. Sie war mir aus Erzählungen bekannt, aber selbst begegnet war ich ihr nie. Warum sie mich bisher verschont hatte, ließ sich leicht erklären. Ich schrieb schließlich nur, wenn ich inspiriert war. Dann ließ ich den Stift nicht mehr los, bis alles aus meinem Kopf auf dem Papier gelandet war. Oft genug verschwanden diese Seiten anschließend in einer Schublade und blieben dort ungelesen liegen.

Vor mir war die weiße Seite. Darauf blinkte ein kleiner Cursor. Wo war der Gedanke hin, der eben noch da gewesen war?

Einfach verschwunden.

Stattdessen saß dort das kleine schwarze Tier namens Deadline. Es schwieg. Und doch lauerte es dort.

Ich versuchte, mich wieder auf das Blinken zu konzentrieren. Wie konnte so etwas Schmales nur so beängstigend sein? War Weiß nicht eigentlich die Farbe der Reinheit? Diese weiße Fläche fühlte sich jedoch wie eine Drohung an. Sollte ich die Farbe umstellen? Geht das überhaupt noch? Schwarzer Hintergrund, rote Schrift. Schwer zu lesen, aber viele Geschichten waren so entstanden.

Jetzt bewegt sich auch noch diese kleine nebelartige Kreatur. Ja, ist ja gut. Ich schreibe ja. Was war nochmal mein Thema? Ach ja, und wo sind eigentlich meine Notizen?

Schließlich fand ich die Notizen. Sie lagen unter einem Stapel aus alten Ausdrucken, zwei leeren Umschlägen und einem Buch, das ich seit Monaten lesen wollte. Für einen Moment war ich erleichtert. Aber als ich die Zettel durchgesehen hatte, wusste ich immer noch nicht, wie ich anfangen sollte.

Vielleicht musste ich einfach raus.

Also zog ich meine Schuhe an und ging joggen. Die Luft war kühl, und nach wenigen Minuten hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass mein Kopf etwas freier wurde. Ich hörte meinen Atem, die gleichmäßigen Schritte auf dem Sand, den Wind in den Blättern.

Und noch etwas. Ein leises Tappen hinter mir.

Ich drehte mich um, doch niemand war da. Nur der Weg, die Wiese, die Bäume und ein kleiner Vogel, der mich aus den Ästen skeptisch beäugte. Trotzdem entschied ich mich, so schnell wie möglich nach Hause zu laufen.

Unter der Dusche beschlug der Spiegel beinah sofort. Das heiße Wasser nahm den schweren Gedanken an die weiße Seite, den Cursor und die Notizen mit sich. Vielleicht löst sich die Blockade ja einfach in Dampf auf.

Als ich die Augen öffnete, saß die kleine schwarze Kreatur auf dem Wäschekorb. Die goldgelben Augen blinzelten nicht einmal. Ich seufzte schwer.

Ja, ist doch gut, dachte ich. Ich schreib ja.

Wieder am Schreibtisch erinnerte ich mich an einen Rat, den ich mal gelesen hatte. Fünf Minuten freies Schreiben. Nicht nachdenken, nur schreiben. Das sollte ich doch hinbekommen. Immerhin musste es nicht gut sein, nicht einmal sinnvoll. Nur Wörter. Nur die Bewegung. Den Stift für fünf Minuten nicht vom Blatt nehmen.

Also nahm ich mir einen Umschlag aus dem Stapel, einen Stift und sah auf das Papier. Am Ende malte ich fünf Minuten nur Kringel. Hat das geholfen?

Ich sah auf und legte die Finger auf die Tastatur und wartete. Der Cursor blinkte. Kann man das irgendwo abstellen? Warum blinkt der?

Nach einer Weile stand ich auf und ging in die Küche. Kaffee, dachte ich. Vielleicht hilft Kaffee. Eigentlich trinke ich so spät ja keinen Kaffee mehr, dachte ich und sah auf die Uhr. Ach, was soll’s. Werde sonst ja sowieso nicht fertig. Während das Wasser durch die Maschine lief, sagte ich mir, dass ich gleich auf jeden Fall anfangen werde. Gleich, wenn der Kaffee fertig ist. Gleich nach dieser schönen heißen Tasse. Gleich. Wenn diese kleine Bestie aufhören würde, mich anzustarren. Sie saß neben der Kaffeemaschine und beäugte mich.

„Ja, doch“, sagte ich.

Sie sagte nichts. Aber das musste sie auch nicht.

Irgendwann war der Kaffee kalt. Auch das schien plötzlich bemerkenswert. Ich stürzte das kalte Getränk hinunter und betrachtete die kleine Kreatur, die immer noch auf meinem Schreibtisch saß.

Schließlich machte ich Musik an. Nicht laut, gerade so laut, dass der Raum nicht mehr so still war. Die ersten Klänge füllten die Lücke zwischen mir, dem Bildschirm und dem kleinen schwarzen Tier. Der Cursor blinkte immer noch. Das sollte ich echt mal ändern…

Dann schrieb ich. Nicht den Text, für den ich mich an den Schreibtisch gesetzt hatte, nicht einmal etwas Besonderes. Aber ich schrieb über wachsame goldgelbe Augen, über einen kleinen Schatten, der mir folgte, und über seine unangenehme Angewohnheit, überall dort aufzutauchen, wo ich gerade nicht an ihn denken wollte. Ich schrieb über das kleine Tier namens Deadline.

Als ich aufsah, war die Seite nicht mehr weiß. Die Kreatur saß noch da, unverändert, und doch schien es, als hätte sie nun ein Gesicht.

Der Text war nicht der, den ich gesucht hatte, aber vielleicht war er der, den ich gebraucht hatte.

Ich lächelte das kleine Wesen an. „Du bist echt anstrengend.“

Ich wusste endlich wieder, wie ich anfangen wollte. Die Deadline rollte sich neben mir zusammen und ruhte. Es war, als hätte auch sie genug vom Warten.

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