Empathie als Zeichen des Menschlichen

Kürzlich hatten wir ein großes Freundestreffen. Vor Corona hatten wir es geschafft, uns jedes Jahr zu sehen; danach war das für eine Weile kaum möglich. Wir kommen aus verschiedenen Ecken Deutschlands zusammen und treffen uns an einem Ort, der für alle ungefähr gleich weit entfernt liegt. Dann reservieren wir einen Tisch in einem Restaurant oder Hotel und verbringen einen heiteren Abend miteinander.

Im Verlauf des Abends spricht jeder mit jedem, und manchmal entstehen spannende Gesprächsthemen. Nicht jedes davon können wir zu Ende führen, manche beginnen nicht einmal richtig. Unsere Treffen sind stets heiter und dauern entweder bis früh in den Morgen oder ein ganzes Wochenende lang. Am Montag kehrt dann jeder in seinen Alltag zurück, und wir versprechen einander, es künftig öfter zu schaffen. Doch am Ende bleibt es meist bei einem Treffen im nächsten Jahr.

Dieses Mal kamen wir über die Serie „Murderbot“ und Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ auf die Frage, ob ein Android je „menschlich“ sein kann. Da die Nacht bereits weit fortgeschritten war, verlor sich das Gespräch zunehmend in Abschweifungen und halbfertigen Gedanken, sodass wir nur selten zu wirklicher Tiefe gelangten, auch wenn die Diskussion äußerst unterhaltsam blieb.

Für mich blieb jedoch eine Frage offen: Was bedeutet eigentlich „Menschlichkeit“? Biologisch betrachtet schien die Antwort im Gespräch zunächst eindeutig: Ein Android kann kein Mensch sein, weil er kein biologischer Mensch ist. Darauf konnten wir uns am Ende wohl einigen. Doch damit blieb etwas Wesentliches ungeklärt, nämlich die Frage, ob Menschlichkeit mit Menschsein gleichbedeutend ist.

Diese Frage lässt sich auf zwei Wegen weiterdenken. Einerseits könnte ein Android, obwohl er kein biologischer Mensch sein kann, Eigenschaften besitzen, die wir als menschlich ansehen: Empathie, Fürsorge, Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, Selbstreflexion oder die Fähigkeit zu leiden. Andererseits führt sie zu der schwierigen Frage, ob ein künstliches Wesen diese Eigenschaften tatsächlich empfindet oder sie lediglich überzeugend nachahmt. Diese Frage nach echtem Fühlen, Bewusstsein und bloßer Nachahmung wäre jedoch ein eigener Schwerpunkt und soll hier nicht weiterverfolgt werden.

Für diesen Text erscheint mir daher eine andere Richtung geeigneter: die Frage nach der Menschlichkeit des Menschen. Verhalten sich Menschen immer menschlich, nur weil sie biologische Menschen sind?

In Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ gibt es den Voigt-Kampff-Test. In ihm dient Empathie als entscheidender Maßstab für Menschlichkeit. Androiden gelten in der Welt des Romans als Wesen, denen genau die Fähigkeit fehlt, auf das Leid anderer empathisch zu reagieren. Doch durch die Figur Rachael unterläuft der Roman diese klare Trennung. Sie besitzt implantierte Erinnerungen und glaubt zunächst selbst, ein Mensch zu sein.

Ihre Vergangenheit ist zwar künstlich erschaffen, doch für sie ist sie Wirklichkeit: Sie prägt ihr Selbstbild, ihre Erwartungen und ihr Verhalten. Dadurch stellt sich die Frage, ob Menschlichkeit allein an der biologischen Herkunft festgemacht werden kann. Wenn Erinnerungen, Beziehungen und Erfahrungen ein Wesen formen, könnte dann nicht auch ein Android Eigenschaften entwickeln, die wir als menschlich bezeichnen?

Empathie ist dabei kein einfacher und unveränderlicher Besitz. Menschen lernen im Laufe ihres Lebens, die Perspektiven anderer nachzuvollziehen und die Folgen ihres Handelns für andere mitzudenken. Doch dieses Vermögen ist unterschiedlich ausgeprägt und zeigt sich nicht in jeder Situation gleichermaßen. Ein biologischer Mensch ist also nicht allein aufgrund seiner Biologie empathisch; und Empathie allein kann möglicherweise nicht endgültig entscheiden, wer oder was menschlich ist.

Auch bei Tieren beobachten wir Verhaltensweisen, die wir als Fürsorge oder Trost deuten: Hunde oder Katzen reagieren mitunter auf die Traurigkeit vertrauter Menschen, suchen Nähe oder bleiben bei ihnen. Ob dies bereits Empathie im menschlichen Sinn ist, lässt sich nicht ohne Weiteres entscheiden. Gerade diese Unsicherheit macht jedoch deutlich, wie vorsichtig man sein müssten, wenn Empathie zu einem eindeutigen Maßstab für Menschlichkeit erklären wird.

Und selbst wenn wir Tiere ausklammern, bleibt die eigentliche Schwierigkeit bestehen: Wenn Empathie Menschlichkeit beweisen soll, was sagt es dann über einen Menschen aus, der anderen bewusst mit Gleichgültigkeit, Grausamkeit oder Verachtung begegnet? Und was würde es bedeuten, wenn ein Wesen, das wir als nichtmenschlich erachten, tatsächlich Fürsorge, Mitgefühl und Verantwortung entgegenbringt?

Gerade die Schwierigkeit, Empathie zu bewerten, erinnert mich an Aristoteles’ Gedanken der Tugend als Mitte. Tugendhaftes Handeln bedeutet nicht, sich zwischen zwei Möglichkeiten mathematisch in der Mitte zu positionieren. Gemeint ist vielmehr, in einer konkreten Situation das Angemessene zwischen zwei Extremen zu finden. Auf Empathie übertragen hieße das: Weder völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz anderer noch die vollständige Aufgabe der eigenen Bedürfnisse wären überzeugende Formen von Menschlichkeit.

Wer eine Beziehung beendet, obwohl er weiß, dass er damit einen geliebten Menschen verletzt, handelt nicht zwangsläufig ohne Empathie. Vielleicht versteht diese Person die Gefühle des Gegenübers sogar sehr gut. Dennoch kann eine Trennung notwendig werden, wenn die Beziehung nicht mehr ehrlich oder gut für beide Beteiligten ist. Empathisch zu handeln, bedeutet dann nicht, jede Verletzung verhindern zu müssen, sondern den anderen als fühlendes Gegenüber wahrzunehmen und ihm mit Ehrlichkeit, Respekt und Verantwortung zu begegnen, ohne ihn grundlos zu verletzen.

Dicks Empathie-Test erscheint vor diesem Hintergrund beinahe zu eindeutig. Er sucht nach einer messbaren Reaktion auf das Leid anderer und behandelt sie als Grenze zwischen Menschen und Androiden. Doch menschliche Empathie zeigt sich nicht nur in unmittelbarer Betroffenheit. Sie kann durch Angst, Überforderung oder Selbstschutz verdeckt sein und dennoch vorhanden bleiben. Vielleicht lässt sich Menschlichkeit deshalb nicht an einer einzelnen Reaktion erkennen, sondern eher an dem fortwährenden Versuch, das eigene Handeln gegenüber anderen verantwortungsvoll auszurichten, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Auch kann es Menschen geben, die besonders empathisch sind, aber irgendwann nicht mehr jedem Menschen im selben Maß offen begegnen können. Nicht unbedingt, weil sie weniger Menschlichkeit besitzen, sondern weil ihre Empathie selbst zerstörerisch werden kann, wenn sie immer nur nach außen gerichtet ist. Wer sich zu oft für andere aufgibt, kann irgendwann lernen müssen, Grenzen zu ziehen. Auch darin könnte eine Form von Menschlichkeit liegen: nicht jeden Schmerz gleich stark übernehmen zu können, ohne deshalb gleichgültig zu werden.

Demnach bin ich mir weiterhin nicht sicher, ob es einen Maßstab für Menschlichkeit gibt, der unangefochten allein dem Menschen zugeschrieben werden kann. Zwar weiß ich, welche Form von Empathie ich mir von meinem Gegenüber wünschen würde. Doch empfindet jeder Mensch Empathie auf dieselbe Weise? Und wenn sie sich nicht immer gleich zeigt: Woher weiß ich dann, dass das, was ein anderer empfindet, dasselbe ist, was ich selbst Empathie nenne?

Vielleicht bleiben manche Fragen gerade deshalb dort lebendig, wo sie entstanden sind: in den zahllosen Gesprächen, die nicht zu Ende geführt werden

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