Aragorn
Als halbjähriges Bündel aus Angst und Fell kam er zum ersten Mal in ein Heim, in dem ein Fenster nicht zum Wegwerfen, sondern zum Hinausschauen gedacht war. Die kalten Nächte davor erlebte er Nähe nur, wenn jemand zu viel getrunken hatte, ohne Rückzugsort und ohne Kiste, und wurde mit einem Fluch in die kalte, einsame Dunkelheit geschickt, sobald die Not ihren Platz im Waschbecken oder in der Badewanne gefunden hatte. Damals war sein Zustand so schlecht, dass man ihm nur noch wenig verbleibende Zeit prophezeite. Doch ein leiser Wille, dazubleiben und das neue Leben zu genießen, ließ ihn bleiben.
Jetzt liegt ein groß gewachsener, getigerter Kater auf der Fensterbank, eingerollt auf einem viel zu warmen Cardigan. Früher leckte er Töpfe aus, stahl Essen aus dem halb geöffneten Kühlschrank und probierte sogar scharfes rotes Curry, als sei es die selbstverständlichste Speise der Welt. Alles, was nicht vorsorglich weggeräumt wurde, probierte er mit Leidenschaft, außer dem Teriyaki, das selbst die Menschen verschmähten. Heute ist der Kater wählerisch, aber die Art, wie seine Ohren zucken, wenn jemand in der Küche ist, verrät, dass er sich erinnert und manchmal noch mit dem Gedanken spielt, ob er vielleicht noch einmal aus dem Topf naschen sollte.
Er ist ein stiller Mitbewohner geworden. Er folgt auf leisen Pfoten, nur um sich ein Stück entfernt niederzulassen und durch halb geschlossene Augen den Raum zu beobachten. Wenn Traurigkeit über seine Menschen fällt, rückt er näher, ohne Lärm und ohne Forderung, nur mit dem Gewicht seiner Anwesenheit. Lange Zeit blieb seine Stimme stumm, das Maul bewegte sich, doch kein Laut löste sich. Inzwischen entweichen ihm kleine Geräusche, seine Stimme ist rau, und manchmal gurrt er wie eine kleine Taube.
Das Alter steht ihm in den Knochen, der Leib ist schmaler geworden, die Sprünge sind kürzer und der Schlaf ist tief. Doch der Wille ist geblieben. Hilfen nimmt er nur ungern an, in seinem Blick liegt noch immer alter Stolz. Fremde werden skeptisch beäugt, doch höflich zur Kenntnis genommen. Wer freundlich ist, wird mit derselben Freundlichkeit bedacht. Wenn es zu viel wird, geht er einfach. Seine Krallen und Zähne braucht er nicht, um seine Grenzen zu setzen
Er ist einer dieser leisen Wächter, die Räume nicht lautstark füllen, sondern still verändern. Kein Held einer großen Geschichte, sondern ein Begleiter, bei dem manchmal schon ein warmes Gewicht auf einer Fensterbank genügt, damit die Welt für einen Augenblick weniger laut ist