Der Winter, der blieb

Seit Tagen hatte die Erkältung seine Sinne lahmgelegt und ihm jegliche Freude an dem Geschmack von Lebensmitteln genommen. Heute war der erste Tag, an dem die Nase länger als wenige Minuten frei war und ihm ein Hochgenuss der Düfte bot. Der intensive harzig, frische Geruch der Tanne, war das Erste, was er wahrnahm, als er in den Wohnbereich kam und ließ ihn für wenige Minuten am Fuß der Treppe verweilen.

Vor ihm bot sich ein weihnachtlicher Anblick. Die kleine Nordmanntanne war festlich geschmückt und die Lichterkette leuchtete strahlend zwischen den grünblau silbrig schimmernden Nadeln. Auch dieses Jahr hingen kleine glitzernde rote und goldene Kugeln am Baum und wenige schmale gleichfarbige Lametta Streifen rundeten das Bild ab. Vereinzelt hingen zwischen den Ästen auch selbst gemachte Wachssterne. Bei jedem der unauffälligen Sternchen erinnerte er sich genau daran, welche Handgriffe sie vollendeten.

Mit einem Lächeln wandte er den Blick von dem Bäumchen und ging zu der Küche, die zu seiner linken war. Allein der Gedanke an einen frischen Kaffee erfüllte ihn mit einer beinahe unbändigen Freude. Vorsichtig nahm er seine hölzerne Mühle aus dem Schrank und die Dose, in dem sich die gerösteten Kaffeebohnen befanden. Als er die Bohnen in die Kaffeemühle getan hatte, drehte er an der kleinen Kurbel, bis sich die Bohnen in ein feines Pulver verwandelt hatten. Bereits jetzt verströmten sie einen kräftigen, würzigen Duft. Dann schaltete er den Wasserkocher an, welchen er zuvor befüllt hatte, und klopfte den Rest des Pulvers aus der Mühle in den kleinen Filter, der auf der Tasse stand.

Langsam füllte er das heiße Wasser in den Filter. Während er darauf wartete, dass das Wasser durch den Filter tropfte, reinigte er die Mühle und stellte sie in den kleinen silbernen Abwaschkorb zum Trocknen. Dann nahm er seinen wohlduftenden Kaffee und ging in den Wintergarten. Er stellte die Tasse auf den ovalen Glastisch, der vor dem hellblauen Sofa stand und ging zum Kamin, der in der Ecke neben der Schiebetür zum Wohnbereich stand.

Vorsichtig und mit geübtem Geschick stapelte er die Holzscheide aufeinander, schob eine kleine Öffnung auf und entzündete ein dünnes Hölzchen und hielt es an die kleine Kugel aus zusammen geknülltem Holz Streifchen. Kurz darauf leckten Flammen an dem Holz hinauf und entzündeten nach und nach die dünnen Hölzer im Kamin. Ein beruhigendes Knistern erklang und er schloss die Tür. Bald würde der kleine Kamin, den Wintergarten mit einer wohligen Wärme erfüllen und der angenehme Geruch von dem Kiefernholz wäre allgegenwärtig.

Eingehüllt in eine warme Wolldecke kuschelte er sich auf das Sofa und sah aus der großen Fensterfront, die einen endlosen Blick über die Felder eröffnete. Mittlerweile knackte und prasselte es in dem Kamin. Die Flammen züngelten sich an den Holzscheiden hinauf und flackerten unruhig hinter dem Sichtglas. Draußen war die Welt in einer kalten weißen Decke gehüllt, die bis vor kurzen noch unter den wenigen Sonnenstrahlen des Tages funkelte. Nun zogen Wolken vor die Sonne und blockten ihre Strahlen ab. Das sanfte Blau entschwand und alles war grau in grau getaucht.

Er nippte an dem Kaffee. Vollmundig und dennoch sanft erfüllte der Geschmack seinen Gaumen und ließ ihn entspannt aufseufzen. Vor dem Fenster schwebten dicke Schneeflocken nieder. In der Windstille wirkten sie fast wie weißer Regen und versperrten den Blick auf die Felder. Der Schneefall wurde immer dichter und erweckte eine Freude in ihn.

Erinnerungen an seine Jugend kamen in ihm auf. Seinen Umzug auf den alten Bauernhof, noch bevor er restauriert war und nun ganz ihm gehörte. Er war aus der großen Stadt auf das Land gezogen, eine Umstellung, die ihm Anfang schwergefallen war. Doch als Malerin war es für seine Mutter leichter auf dem Land ein eigenes Atelier zu haben als in der großen Stadt. Der an das Haupthaus angrenzende Schweinestall wurde als erstes ausgebaut und ergab ein geräumiges Atelier mit viel Tageslicht, in welchem sie viele ihre besten Stücke gefertigt hatte.

Nach einiger Zeit hatte er sich einen Freundeskreis aufgebaut und vermisste seine alte Heimat gar nicht mehr. Die Ruhe, die er hier außerhalb des kleinen Dorfes erlebte, gefiel ihm und auch seine erste Liebe hatte er hier getroffen. Während der Schnee in wilden Tänzen im aufkommenden Wind an dem Fenster vorbei getrieben wurde. Erinnerte er sich an einen Tag, den er mit ihr im Schneetreiben erlebt hatte. Sie wohnte nicht weit von dem Bauernhaus in einem Nachbardorf und besuchte ihn gern, wenn sie die Zeit hatte. In seinen Gedanken erinnerte er sich an den Tag als wäre es heute.

Warm und wohlig eingepackt, stapften sie durch den Schnee, der unter ihren Stiefeln knackte. Sie wollten auf der Wiese hinter dem Haus einen Schneemann bauen und hatten sich mit ein paar Utensilien aus dem Atelier bewaffnet. Kleine Gegenstände mit denen man aus Ton Skulpturen fertigen konnte. Eingepackt in warmen Klamotten überlegten sie, was für schöne Kreationen sie aus dem unendlich verfügbaren Material formen könnten. Das Mädchen hatte sich überlegt eine Meerjungfrau zu machen, während er an einen Drachen dachte. Die Uneinigkeit würden die beiden Jugendlichen, sicherlich beigelegt haben bevor man etwas erkennen konnte. Sonst würden sie vielleicht ein Mischwesen bauen, einen Meerjungdrachen. Als das Mädchen dies geäußert hatte blickte er sie mit einem verwunderten Blick an und schüttelte lachend den Kopf. Darunter konnte er sich wirklich nichts vorstellen.  

Erst trugen sie den Schnee zusammen und klopften ein Firmament für ihre Skulptur fest. Dann begannen sie aus kleinen Häufchen Schneeteilen ihrer Schneeskulptur zu formen. Er hatte sich an den Kopf und Rumpf eines Drachen gewagt, während sie an dem Leib einer Meerjungfrau arbeitete. Mittlerweile dachten beide nicht mehr darüber nach, wie es zusammenpassen könnte. Die Körper wurden wie durch eine natürliche Handlung im Schuppenkleid eins. Doch ehe sie sich das Werk in der Gänze anschauen konnten, kam es wie es kommen musste. Ein unvorsichtiger Schritt und das Mädchen fiel auf den außergewöhnlichen Schneemann, der unter ihrem Körper zerfiel und zu einer unerkennbaren Masse wurde. Noch bevor sie auf die Zerstörung mit Trauer oder Wut reagieren konnte, erklang sein helles Lachen, in welches sie sogleich einstimmte.

Ein Klappern in der Küche riss ihn aus seinen Gedanken und er sah durch die Glastür, die den Wintergarten vom Wohnbereich abtrennte. Seine Frau begrüßte ihn freudig und wischte sich die grauverfärbten Hände in einem Tuch ab. Dann lief sie lächelnd zu ihm.

„Wie geht es dir? Du hast noch fest geschlafen, als ich aufgestanden bin.“, sagte sie mit fröhlicher Stimme und setzte sich neben ihm. Er erwiderte ihr Lächeln und hob, ohne ein Wort zu sagen die mittlerweile lauwarme Tasse mit Kaffee hoch. Sie verstand sofort, was das hieß, und gab ein begeistertes „Ah“ von sich.

„Erinnerst du dich an den Schneemann, der nie vollendet wurde?“, grinste er und fügte sofort ohne eine Pause hinzu „Ich musste gerade daran denken.“ – „Ich auch“, erwiderte sie und ging zur Küche. Als sie zurück kam hielt sie in ihren Händen eine kleine graue Skulptur. Den Rumpf und Kopf eines Drachen und den schuppigen Schwanz einer Meerjungfrau. „Als ich heute Morgen runterkam, musste ich an den Tag denken und dachte es wäre doch schön, wenn wir dem Wesen endlich eine Gestalt geben würde.“, sprach sie, als er die Kreatur in seinen Händen wog und grinsend betrachtete. „Genau so habe ich ihn auch in Erinnerung.“.

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