Theodor Storm

Theodor Storm wurde 1817 in Husum geboren und 1888 in der Familiengruft auf dem Husumer Friedhof beigesetzt. Er folgte beruflich seinem Vater, der Rechtsanwalt war, und wurde ebenfalls Jurist. Darüber hinaus war Theodor Storm ein bedeutender Novellist und Lyriker. Einige seiner Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, vertont und auf die Bühne gebracht. Besonders geläufig ist die Novelle „Der Schimmelreiter“, die ich hier im Weiteren zusammenfassen und mit einigen Analyse- und Interpretationsansätzen vorstellen möchte. Andere bekannte literarische Werke sind zum Beispiel „Der kleine Häwelmann“, „Pole Poppenspäler“ und „Aquis submersus“. Bereits in seiner Schulzeit verfasste Storm erste Gedichte, die er in der lokalen Zeitung veröffentlichte. Über seine Heimat schrieb er das Stadtgedicht „Die Stadt“, das oft als „die graue Stadt am Meer“ bezeichnet wird.

„Der Schimmelreiter“ wurde wenige Monate vor Storms Tod im Jahre 1888 fertiggestellt. Die Novelle erhielt diverse Adaptionen, zum Beispiel einen Kriminalroman, zwei Graphic Novels, drei Verfilmungen und mehrere Bühnenfassungen. Literarisch lässt sich die Novelle in die Epoche des Realismus einordnen, die ungefähr den Zeitraum von 1848 bis 1890 umfasst. Im Allgemeinen sollte man bedenken, dass eine Verortung in eine Epoche nicht ausschließlich über die Entstehungs- oder Veröffentlichungsdaten erfolgen sollte. Gerade am Ende einer Epoche oder zu Beginn einer neuen gibt es Überschneidungen, die man berücksichtigen muss.

Worum geht es in der Novelle?

„Der Schimmelreiter“ handelt von dem Protagonisten Hauke Haien, der durch seinen Ehrgeiz vom Kleinknecht zum Deichgrafen aufsteigt. Die Voraussetzung dafür schafft seine Verlobung mit Elke, der Tochter des vorherigen Deichgrafen, durch die er mit der Heirat das Land ihrer Familie erbt. Als Deichgraf verändert die Hauptfigur den Deichbau. Zum einen bietet die neue Konstruktion besseren Schutz gegen Sturmfluten, zum anderen ermöglicht die Eindeichung eines neuen Kooges weitere Landgewinnung. Doch die Dorfbewohner sind mit diesen Veränderungen nicht einverstanden, und er trifft auf Widerstand. Am Ende scheitert Hauke Haien daran, das Dorf zu schützen. Als einer der alten Deiche zu brechen droht, stürzt er sich mit Frau und Kind in die Fluten. Seitdem erscheint er als Reitergeist, um vor drohendem Unheil zu warnen.

Wie ist „Der Schimmelreiter“ aufgebaut?

Die Erzählung hat eine doppelte Rahmenhandlung, die eine Binnenhandlung einschließt. Eine Rahmenerzählung ist eine besondere Erzähltechnik, die häufig in Novellen vorkommt.

Die äußere Rahmenhandlung beginnt mit dem Bericht eines Ich-Erzählers. Dieser berichtet, dass er einst eine gruselige Gespenstergeschichte in einer Zeitschrift bei seiner Urgroßmutter gelesen habe. Diese kurze Erzählung wirkt fast wie ein Vorwort des Autors, da diese Rahmenhandlung nicht abgeschlossen wird, sondern eher als Einleitung fungiert.

Die innere Rahmenhandlung wird aus der Perspektive eines Reisenden erzählt, der in einem Sturm auf einem Deich entlangreitet. Er glaubt, einen Reiter auf einem Schimmel gesehen zu haben. Als er sein unheimliches Erlebnis in einer Gaststätte im nächstgelegenen Dorf schildert, äußert sich ein Schulmeister dazu. Diese Rahmenhandlung des Reisenden endet, als er sich am Ende der Novelle von dem Schulmeister verabschiedet.

Die Binnenhandlung wird von dem Schulmeister erzählt. Er berichtet aus seiner Sicht vom Leben des Hauke Haien und stellt damit einen Großteil des Inhalts der Novelle dar. Der Hauptkonflikt der Novelle ist der Kampf gegen die Naturgewalt, während der Nebenkonflikt der Streit mit der Dorfbevölkerung ist. Höhepunkt und Katastrophe sind der Tod der Familie des Protagonisten in den Sturmfluten.

Zeitlich lässt sich die äußere Rahmenhandlung etwa auf das Jahr 1888 beziehen, da der Erzähler sich erinnert, dass er „vor gut einem Jahrhundert“ eine Geschichte in der Zeitung gelesen habe. Dem entsprechend spielt die innere Rahmenhandlung ungefähr um 1820. Die Binnengeschichte selbst spielt in den Jahren etwa von 1732 bis 1756.

Welche sprachlichen Besonderheiten weist die Novelle auf?

„Der Schimmelreiter“ weist viele norddeutsche Namen und ein norddeutsches Vokabular auf. Dabei werden auch plattdeutsche Begriffe verwendet. Die Deicharbeiter untereinander benutzen Fachbegriffe, die im Deichbau üblich waren.

Eine andere, vor allem literarisch interessante sprachliche Besonderheit ist, dass neben den zahlreichen Dialogen auch einige Selbstgespräche vorkommen, die die Figuren der Novelle mit sich selbst führen. Des Weiteren finden sich eine Reihe rhetorischer Mittel, zum Beispiel Alliterationen und Anaphern.

Was sind die Symbole in der Novelle?

Als Symbole treten in der Novelle vor allem die Deiche und das Meer hervor. Man kann die Deiche als Ausdruck menschlichen Könnens oder als Symbol für den Kampf gegen die Natur interpretieren. Die Deiche sind ein zentrales Thema im „Schimmelreiter“, sie begleiten den Protagonisten sein Leben lang, und am Ende bricht der Deich, womit auch das Leben des Protagonisten endet. Somit kann man die Deiche auch als Analogie zu Haukes Leben lesen. Als er es schafft, seinen Traum vom „neuen“ Deich zu vollenden, ist seine Karriere auf dem Höhepunkt. Doch als die Konflikte in seinem Leben schlimmer werden, verliert auch der Deich zunehmend an Stabilität. Letztlich muss Hauke einsehen, dass es seine Entscheidungen waren, die das Dorf in Gefahr gebracht haben, und er stürzt sich mit dem Flehen ins Meer, es möge ihn nehmen und die anderen verschonen.

Das Meer hingegen kann man als Naturgewalt verstehen, die nur durch die Deiche davon abgehalten wird, das Land zu überfluten und die Menschen zu bedrohen. Damit sind das Meer und die Deiche als Leitsymbole zu verstehen.

Weitere Symbole sind die Tiere. Die weißen Tiere, der namensgebende Schimmel und die weiße Katze, die der Protagonist im Zorn erdrosselt, stehen für das Unglücksbringende. Ein Aberglaube besagt, dass, wenn man einen weißen Hirsch erschießt, man bald darauf sterben wird. So kann man die Katze verstehen. Das Pferd, das abgemagert und schwach in den Besitz des Protagonisten kommt, erinnert die Dorfbewohner an das Skelettpferd, das viele im Sturm gesehen haben und das nach dem Auftauchen des Schimmels im Dorf verschwunden sei. Das Pferd hat nur zu Hauke ein gutes Verhältnis und löst bei den Menschen Furcht und Schrecken aus. Dies nutzt Hauke aus, indem er die Angst der Deicharbeiter benutzt, damit sie seinen Befehlen folgen. Er stürzt sich am Ende mit dem Pferd in die Fluten und reitet nun als Schimmelreiter über die Deiche, wenn eine Sturmflut naht.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Aberglaube, der in der Novelle von zentraler Bedeutung ist. In den Rahmenhandlungen wird der Aberglaube durch Sichtungen des Reitergeistes dargestellt. In der Binnenerzählung nutzt der Protagonist den Aberglauben, um seine Autorität gegenüber der Bevölkerung zu unterstreichen, während die Bewohner zunehmend glauben, Hauke stünde im Bund mit dem Teufel. Obwohl er im Text meist als rational denkend auftritt und damit eigentlich gegen den Aberglauben steht, ist es ironisch, dass er nach seinem Tod selbst zum Schimmelreiter wird und damit zu einem abergläubischen Mythos.

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