Zwischen Lichtern und Schnee
Mit weit aufgerissenen, neugierigen Augen betrachtete das Kind den Markt, der sich vor ihm auf dem sonst so tristen Platz auftat. Normalerweise versammelten sich hier nur die vielen bunten Tauben der Stadt am Brunnen. Vorübergehende saßen meist auf den Bänken, um sich von ihren Einkäufen in den rund um den historischen Marktplatz gelegenen Einkaufszentren zu erholen.
Doch heute war es anders. Rund um den Brunnen standen viele kleine Holzhütten, in denen fröhliche Menschen ihre Waren anboten. Verschiedene Gerüche erfüllten die Luft. Vom herzhaften Duft gebratener Pilze bis zum süßen Zimt von Pfannkuchen war fast alles zu riechen, was man sich vorstellen konnte.
Die Händler grüßten freundlich jeden, der vorbeikam. Sogar der sonst so grimmige Bäcker trug heute ein breites Grinsen im Gesicht. Mit kräftiger Stimme pries er lächelnd Stockbrot und im Steinofen gebackenes Brot an. Der würzige, leicht nussige Duft des frischen Brotes lag in der Luft. Aromatisch und tröstlich erinnerte er die herantretenden Menschen an ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.
In der Holzhütte neben ihm stand ein weiteres vertrautes Gesicht. Es war die grauhaarige Imkerin, die stets ein freundliches Lächeln auf den Lippen hatte. Sie bot ihren selbst gemachten Honig und kleine Bienenwachskerzen an. Zwischen den Gläsern standen Kerzen in verschiedenen Größen und Formen. Das gelbliche Wachs war mit einem Wabenmuster versehen und verströmte einen milden, süßen Honigduft.
Die Frau lächelte den herannahenden Kindern wohlwollend zu und legte ihnen nach einem bestätigenden Blick zu den Eltern einen kleinen Gummibär in die Hand. Ohne zu zögern steckten sie ihn sich in den Mund. Den Erwachsenen gab sie ein Honigbonbon, das sie ebenfalls selbst hergestellt hatte.
Ein vibrierender Klang lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Ein junger Mann lehnte an einer Steinmauer. In seinen Händen hielt er eine dunkelbraune Gitarre, die er gerade begann zu stimmen. Nachdem er jede Saite sorgfältig nachjustiert hatte, hob er seine Stimme und summte ein Weihnachtslied an. Bald hatte sich eine kleine Menschenmenge um ihn versammelt. Einige lauschten der vertrauten Melodie, andere sangen aus voller Kehle mit.
Nach einer Weile verstummte die Musik und die Gitarre wurde wieder eingepackt. Die Vorübergehenden verteilten sich zurück über den Marktplatz. Von den Essens- und Getränkeständen war fröhliches Lachen zu hören, vermischt mit vielen Stimmen. Die Erwachsenen tranken würzigen Glühwein, während die Kinder heiße Schokolade in ihren kleinen Händen hielten.
Langsam senkte sich die Dämmerung und hüllte alles in einen dunklen Schleier. Lichterketten und Kerzen erstrahlten an den Holzhütten und rund um den Platz. Ihr Schein erfüllte den Markt mit einem warmen, tröstlichen Licht. Eine Kerzenverkäuferin stellte ihre Teelichter in die verzierten Halter, sodass ihr Stand sich bald in ein flackerndes Sternenmeer verwandelte.
Die Kirchenglocke läutete und kündigte mit ehrwürdigem Klang die fünfte Stunde des Tages an. Alle Kerzen flackerten im leichten Wind, der aufkam und die kalte, feuchte Nachtluft mit sich brachte. Kleine, kaum wahrnehmbare Schneeflocken wirbelten in den Böen. In der Ferne spielte ein Drehorgelspieler eine vertraute Weihnachtsmelodie, und erneut zog der anmutige Klang die Menschen an.
Auf hellen Seidentüchern waren allerlei selbst gemachte Waren ausgebreitet, von denen das eine oder andere wohl als Geschenk für die Familie seinen Weg finden würde. Die kunstvoll gestalteten Tonfiguren, die der Töpfer gut gelaunt an die Vorübergehenden verkaufte. Die kleinen Holzpyramiden mit ihren verschiedenen Figuren erfreuten Jung und Alt, während sie sich im Kreis um das Gestell drehten. Die warme Luft der Kerze am Fuß der Pyramide ließ die Flügel rotieren und die Krippenfiguren tanzen.
Mit der Zeit leerte sich der Markt und die Eltern gingen mit ihren Kindern nach Hause, während die Zurückbleibenden ihre Plätze einnahmen. Zu Hause würden sie mit den Kleinen Weihnachtslieder singen und die zweite Kerze des Adventskranzes anzünden. Vielleicht lasen sie ein Buch und erzählten sich Geschichten. Oder sie aßen die Plätzchen, die sie gebacken hatten. Ein besinnlicher und stiller Adventssonntag würde mit einer freudigen Stimme enden.