Die Spuren von Dicke

Dieser Sommer zeigt sich von einer ungewöhnlichen Seite. Gestern war heller Sonnenschein und fast wolkenloser Himmel. Die wenigen Wolken kündigten aber schon einen Wetterumschwung an, und heute zogen einige Gewitter über unsere Stadt.

Da ich frei hatte, habe ich eigentlich geplant etwas zu fotografieren, doch wegen dem Wetter entschied ich mich auf meiner Fensterband am Fenster zum Garten zu setzen und zu lesen. Während der Regen vor mir auf den Rasen nieder prasselte und der wind in den Blättern unserer alten Birke rauschte, erhielt ich eine Nachricht auf meinem Handy, mit den ersten Zeilen: „Erinnerst du dich an…“ wusste ich, von wem sie war.

Seine kleine Schwester kam ein paar Wochen vor den langen Sommerferien in meine Klasse und bald darauf freundete ich mich mit ihrem Bruder, der eine Stufe über mir war, an. Der Künstler-Sohn, aus der Großstadt, der auf das Land zog. Weil die Stadt die Kreativität seiner Mutter „getötet“ hatte. Sie hatten sich ein altes Bauernhaus mitten in der Natur gekauft, abseits des kleinen Dorfes. Obwohl das Haus sehr groß war, zog mein Freund in ein kleinen Holzwagen, der im riesigen Garten stand und baute ihn in eine kleine Wohnung um. In seiner Nachricht fragte er mich ob ich mich an eben diesen kleinen Holzwagen erinnern würde, er hätte eine neue Leidenschaft entdeckt – campen – nur die Mücken würden nerven. Ich schmunzelte und für eine weile tauschten wir unsere Erinnerungen an die vergangene Zeit aus. Dann blieb das Handy still und ich wusste, wir würden uns erst wieder in ein paar Monaten, oder vielleicht Jahren lesen.  So ging es nun schon seit 20 Jahren. Erstaunlich wie so etwas hält, wir machen einander keine Vorwürfe, streiten nicht. Wir schreiben, wenn wir die Zeit haben, als hätten wir uns erst gestern zuletzt gesehen. Wir lachen über die gemeinsame Zeit, bringen uns auf den neusten Stand und gehen dann wieder in unsere getrennten Leben. Eine dieser Zeitlosen Freundschaften, in der ein Band für immer geknüpft wurde unabhängig von den äußeren Umstanden.

Seine Mutter war Malerin, sie malte mit Ölfarbe und Acryl wunderschöne Gemälde. Ihre Lieblingskünstlerin war Nikki De Saint Phalle und ihr Lieblingslied war „Für mich soll es rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef. Sie liebte die Kunst der „unperfekten Schönheit“ und verabscheute die perfekte Schönheit, welche sie jedoch für ihre Auftragsarbeiten oft anfertigen musste. Eines Tages erhielt sie das Angebot eine Vernissage mit ihren Gemälden abzuhalten und bekam eine Anzahl an Bildern, die sie ausstellen sollte. An dem letzten Gemälde arbeitete sie noch bis ein paar tage vor der Vernissage, ich erinnere mich nicht mehr genau an das Bild, da sie in dieser produktiven Zeit maximal zum Essen ihr Atelier – was auch gleichzeitig das Wohnzimmer war – verlassen hatte und den Rest der Zeit gern für sich war. Ich erinnere mich auch nicht mehr, was der Grund war, dass sie das Atelier so überstützt, verlassen musste und dabei, sehr unüblich für sie, die Tür vergessen hatte zu schließen.

Sie hatten eine große, Bernhardiner Hündin mit namens Dicke (eigentlich hieß sie anders, doch sie wurde immer so genannt). Dicke war sehr tollpatschig, aber liebenswert. Sie stellte sich zur Begrüßung immer wieder sehr zielsicher mit ihren über 60kg auf meine Füße und verlagerte ihr gesamtes Gewicht an die Beine. Nun, stand die Tür zum Atelier offen und das noch feuchte Gemälde für die Vernissage stand dort unbeobachtet und unsicher auf der Staffelei. Als wir in das Haus gingen um Dicke zum Spazieren gehen abzuholen, sahen wir, dass sie mit ihrer Nase diverse spuren auf dem Gemälde hinterlassen hatte und das Gemälde diverse auf ihrer Nase. Die Malerin war außer sich als sie wieder kam, doch als sie den Hund sah, schluckte sie ihre Frustration hinunter und wir alle begannen zusammen den Hund draußen im Garten zu waschen. Erst am Abend sahen wir, was dieser Vorfall für sie bedeute und mit ihr machte. Die Bilder sollten am frühen Morgen des nächsten Tages abgeholt werden… so blieb ihr keine Wahl. Entweder sie nahm das Gemälde aus der Ausstellung oder verkaufte diesen Vorfall ihre Idee. Beides missfiel ihr, also nahm ihr Ehepartner die Entscheidung ab.  Das Gemälde wurde ausgestellt.

Ein paar Wochen später war die Vernissage. Viele Sprachen ihr Lob für das „entstellte“ Gemälde aus und obwohl sie lächelte, sah man, wenn man sie kannte, in ihren Augen, dass sie sich nicht freute. Sie erhielt viele Angebote für das Gemälde, doch als die ihre Galariestücke zurückkamen, und wir sie vom Wagen luden und öffneten, sahen wir, dass sie es nicht verkauft hatte. Erst dachten wir, dass sie es getan hatte, weil sie nicht hinter dem Gemälde stand, doch als wir sie fragten, lachte sie mit Tränen in den Augen und sagte, dass sie verstanden hatte, dass man nicht alles kontrollieren kann, nur wie man selbst damit umgeht. Sie bedankte sich für unsere Hilfe bei der Vernissage und das wir still ihren Unmut teilten. Dann hing sie das Bild mit Dickes spuren in der Küche auf, wo sich immer wieder die gesamte Familie zusammenfand.

Das ist eine der vielen Erinnerungen, die wir in uns tragen, damals war sie einfach ein Tag in einer gemeinsamen Zeit. Doch heute, glaub ich, ich verstehe ihre Worte und denke, sie hat recht. Obwohl ich weiß, dass sie das Haus verkauft haben und mittlerweile umgezogen sind, hängt das Bild immer noch in der Küche, ein Mahnmal an diese Erkenntnis aber mittlerweile auch eine Erinnerung an Dicke.

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