Wenn der Schnee fällt

„Die erste Kerze leuchtet auf ihrem Thron aus saftig grünem Nadelbett. Erhellt uns die dunkle Zeit, in der frühen Dämmerung und erwärmt unsere Seele mit ihrem strahlenden Schein. Entzündet als ein Gebet der Hoffnung, brennt sie an allen Abenden. Bis die vier Wünsche über die Erde gesprochen und jede Kerze mit ihrem Funke die Idee zum Sternenzelt trägt. Auf das die Welt mit Hoffnung, Frieden, Liebe und Freude gesegnet ist.“

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Zeilen las. Ein erbaulicher Gedanke, dem sie gerne Glauben schenkte. Alle Menschen, die gemeinsam ihre Wünsche füreinander gaben. War das nicht genau, was uns so einzigartig macht? Doch wie oft vergessen wir diese guten Worte in unserem Leben und treten einander mit Missgunst gegenüber, nur weil wir nicht wissen, was in dem anderen vorgeht?   

Sie sah von ihrem Buch auf und blickte aus dem Fenster. Der Wind trieb den weißen Winterregen in unbändigen Tänzen vor sich her, bis die Flocken den Boden erreichten und alles in eine kalte Decke hüllte. Nur wenige Menschen gingen durch den Schnee, eingehüllt in dicker Kleidung, so das man sie fast nicht mehr erkennen konnte. Wo sonst noch Kinder am Abend in den Gärten spielten, war nun eine unberührte Schneedecke.

Sie erinnerte sich an einen Winter, als sie noch selbst klein war. Die Unbeschwertheit, die das Jungsein mit sich brachte und die unbändige Begeisterung für alles um sich herum. Die Schneelandschaft, welche beinahe zauberhaft, in jedem Windhauch eine Geschichte zu erzählen schien. Das Eis welche glasgleich auf dem See lag und beim darauf treten, ein beinahe mystisches Eisklirren von sich gab, dass durch den gesamten See hallte. Doch heute nahm man sich nicht mehr die Zeit, einmal durch den Schnee zu stapfen, ihn knirschend unter den Schuhen zu spüren, ohne sich direkt über die Kälte zu beschweren.

In den Fenstern und an den Bäumen hingen Lichterketten, die in dem Dunkel funkelten und die menschenleere Straße in einem wohligen Schein erhellten. Die Stille der Welt erwachte in dieser frühen Finsternis und in dieser Ruhe wirkten alle ihre Erinnerungen und Gedanken so viel lauter als in anderen Jahreszeiten. Die Einsamkeit drückte schwer auf ihren Schultern.

Es war eine Verlorenheit, die sie immer überkam, wenn die Tage kürzer wurden. Ein Gefühl, dass sie schon lange begleitete. Im hektischen Alltag schien es verdeckt von all dem, was der Tag brachte. Doch nun, sobald die Nacht bereits am Nachmittag über die Welt hereinbrach und die Stille alles umschloss, war sie mit ihren Gedanken für sich. Es schien, als würde etwas fehlen, etwas das sie noch nicht gefunden hatte. Es war bis jetzt kein Teil ihres Lebens zu sein und trotzdem vermisste sie es. Sie fühlte sich nicht alleine, oder verloren, nur nicht vollständig. Unvollkommen und noch nicht am Ziel. Doch was würde noch kommen, was wartete, wenn sie es fand? Sie seufzte, diese Antwort würde sich nicht so leicht finden lassen.

Vorsichtig legte sie das Buch auf den kleinen Holztisch, der sich neben dem Sessel stand, welchen sie vor dem großen Fenster platziert hatte. Dann blickte sie erneut in die Nacht, in welcher der Schnee mit einer, immer dichter werdende Decke, die schlafende Natur verhüllte.

War das mit der ersten Kerze gemeint? Der Wunsch, dass die Hoffnung nicht vergeht? Die Hoffnung, dass sie eines Tages vollständig sein wird. Die Hoffnung, zu wissen, was ihr fehlt und dass sie es spürt, wenn es vor ihr ist. Und das, wenn die Last sie zu erdrücken droht, die Hoffnung bleibt, auf eine bessere Zeit.

Die Hoffnung nie zu verlieren, ist etwas, dass sie den Menschen wünschte. Jeder sollte Hoffnung im Herzen tragen. Wenn es schwer ist, soll sie wie ein Funke in dem Herzen glimmen und zu einem Feuer werden, das alles in Euphorie umschlingt, damit man weiter machen kann, wenn einem die Kraft fehlt. Wenn die Sorgen, die Flamme zu ersticken drohen, soll die Glut der Hoffnung sich neu entzünden. Wie ein immerwährendes Feuer.

Das Klingeln ihres Telefons unterbrach ihre Gedanken. Die freudige Stimme am anderen Ende des Apparats erhellte die Stimmung im Raum, es war eine Freundin, die sie schon lange nicht mehr gehört hatte. Sie hatten einander viel zu erzählen und auch wenn es selten war, so waren diese Momente, als wäre der Alltag nie zwischen ihnen geraten. Diese Augenblicke waren es, die ihre Flamme hell auflodern ließ. Die Kleinigkeiten, die die Einsamkeit und das Warten erträglich machten. Die einem Vertrauen schenkten, dass alles seinen Weg ging und alles seine Zeit hatte.

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